Für Frontex im Einsatz – ein Erfahrungsbericht über Professionalität, kulturelle Vielfalt und Familienleben
Vom ersten Einsatz in Italien bis zur aktuellen Mission in Kroatien: Jean-Pierre Stefanelli, einer unserer Mitarbeitenden im Frontex-Pool, erzählt, was es aus beruflicher und menschlicher Sicht bedeutet, täglich an den Schengen‑Aussengrenzen zu arbeiten. Er spricht über die internationale Zusammenarbeit, die Weiterentwicklung von Kompetenzen und wegweisende Entscheidungen innerhalb der Familie.
13.02.2026, von Nadia Passalacqua
Jean-Pierre Stefanelli ist Mitarbeiter des Zolls Süd und war bereits mehrfach für Frontex im Einsatz. Seinen ersten Einsatz hatte er 2018 in Italien. Seit dem 24. Januar 2024 ist er als Frontex-Beamter der Kategorie 2 in der Funktion eines Advanced Level Document Officer (ALDO) für einen längeren Einsatz in Kroatien stationiert. Er hat uns erzählt, wie ihm diese Funktion gefällt, was er gelernt hat und was er denjenigen raten würde, die überlegen, sich ebenfalls für eine solche Mission zu melden.
Was hat dich dazu bewogen, dich für einen Frontex-Einsatz im Ausland zu bewerben?
Ein Einsatz im Ausland war für mich seit Beginn meiner Laufbahn bei der EZV (heute BAZG) eine Option. Dafür gab es vielerlei Gründe. Gereizt hat mich vor allem die Möglichkeit, in einer Umgebung mit einem anderen interdisziplinären Ansatz zu arbeiten, täglich eine andere Realität als in der Schweiz zu erleben, andere Kulturen kennenzulernen und mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
Wie sieht deine tägliche Arbeit bei Frontex konkret aus?
Während meiner Schichten führe ich detaillierte Dokumentenkontrollen durch, unterstütze meine Kolleginnen und Kollegen vor Ort bei Kontrollen, überprüfe die Datenbanken und erstelle täglich Berichte für Frontex. Darüber hinaus unterstütze ich meine lokalen Kolleginnen und Kollegen mit Übersetzungen ins Italienische, Französische und Deutsche.
Was sind die grössten Unterschiede im Vergleich zu Einsätzen in der Schweiz?
Der grösste Unterschied besteht in den Aufgaben: Sie betreffen ausschliesslich die Grenzsicherheit und keine Zollangelegenheiten. In vielen Ländern, in denen ich im Einsatz war, sind die Grenzpolizei und der Zoll zwei getrennte Einheiten, die für unterschiedliche Bereiche zuständig sind. Auch die Arbeitsschichten unterscheiden sich stark von jenen in der Schweiz. Am Grenzübergang, an dem ich zurzeit im Einsatz bin, dauern die Schichten 12 Stunden und sind in Tag- und Nachtschichten eingeteilt. Überstunden können nur mit freien Tagen kompensiert werden, die noch im selben Monat zu beziehen sind. Ein weiterer grosser Unterschied ist, dass ich an den Land-Aussengrenzen des Schengen-Raums im Einsatz bin. In der Schweiz kontrollieren wir die Schengen-Aussengrenzen ausschliesslich an den Flughäfen (Luft-Aussengrenzen).

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern aus?
Jede Person bringt aufgrund der in ihrem jeweiligen Land üblichen Arbeitsweisen und Einsatzregeln ihr eigenes Know-how mit. Wir unterstützen uns gegenseitig mit Übersetzungen sowie mit unseren Erfahrungen und praktischen Kenntnissen. Im Frontex‑Team am Border Crossing Point, an dem ich arbeite, werden unterschiedliche Funktionen ausgeübt, was zur Interdisziplinarität der Gruppe beiträgt.
Welche beruflichen Kompetenzen haben sich deiner Meinung nach durch diese Erfahrung am meisten weiterentwickelt?
Im Rahmen dieser Mission bekam ich eine Vielzahl von Dokumenten zu Gesicht, die ich von meiner Arbeit in der Schweiz her nicht gewohnt bin, zu kontrollieren. Darüber hinaus erhalten wir bei Frontex regelmässig viele Informationen über Modi Operandi im Zusammenhang mit Fällen ausserhalb des Dokumentbereichs (z. B. Migration oder Schmuggel) sowie mit bestimmten Fällen, die Anhaltspunkte für gezielte Kontrollen liefern. Dies ermöglicht es uns, auf eine andere als die gewohnte Art und Weise nach Hinweisen auf Straftaten zu suchen. Zudem glaube ich, dass der Aufbau eines Netzwerks an internationalen Kontakten auch eine grosse Chance für die Zukunft ist, wenn ich in die Schweiz zurückkehre. Ich hatte auch das Glück, an einigen internen Schulungen von Frontex teilzunehmen, die verschiedene Bereiche abdecken.
Gab es besonders komplexe Situationen, die dich geprägt haben?
Ich konnte meine Kolleginnen und Kollegen vor Ort in einigen Fällen unterstützen, die mit der Beschlagnahmung von Dokumenten oder Fahrzeugen oder mit der Festnahme gesuchter Personen geendet haben.
Wie wichtig ist der internationale und multikulturelle Aspekt bei deiner Arbeit?
Ich würde sagen, er ist von grundlegender Bedeutung. Jede Person stellt nicht nur ihre Kompetenzen zur Verfügung, sondern repräsentiert auch ihr Land. Ich denke, dass es äusserst wichtig ist, bei der Arbeit professionell vorzugehen und sich tadellos zu verhalten. Die Multikulturalität ist ein wesentlicher Faktor und einer der positivsten Aspekte. Offenheit gegenüber anderen Kulturen ist dementsprechend die richtige Basis dafür.

Was würdest du einem Kollegen sagen, der sich überlegt, ebenfalls eine solche Erfahrung zu machen?
Zunächst einmal, dass er sich an den Einsatzort anpassen muss, da man sich diesen nicht aussuchen kann und dort eingesetzt wird, wo Bedarf besteht. Man weiss auch nicht, für wie lange man am selben Ort eingesetzt wird. Durch die Erfahrungen und das Gelernte werden aber sowohl die beruflichen als auch die sozialen Kompetenzen erheblich gefördert. Man muss positiv an die Sache herangehen, dann entwickeln sich die Dinge wie von selbst.
Glaubst du, dass diese Erfahrung deine berufliche Zukunft beeinflussen wird? Wenn ja, inwiefern?
Ich denke, dass ich die während meines Auslandaufenthalts gesammelten Erfahrungen, erworbenen Kenntnisse und geknüpften Kontakte nach meiner Rückkehr in die Schweiz in meinem Arbeitsalltag einbringen und nutzen kann. Dies macht mich zu einer wertvolleren Ressource als vor meiner Abreise.
Nun eine etwas persönlichere Frage: Mit der Familie ins Ausland zu ziehen, ist eine grosse Entscheidung. Wie seid ihr zu eurem Entschluss gekommen?
Meine Familie, und vor allem meine Frau Natali, wusste bereits, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied im Ausland lebt, wenn auch nur für kurze Zeit. Wir haben sowohl über die Schwierigkeiten, denen wir begegnen würden, als auch über die positiven Aspekte, von denen wir profitieren würden, gesprochen, und es war ein natürlicher Prozess. Unsere Bedenken betrafen vor allem die Art der allgemeinen Einrichtungen und die Lebensbedingungen im Ausland. Als wir hier ankamen, haben wir uns aber schon nach kurzer Zeit eingelebt, und die Zweifel sind schnell verflogen.

Wie haben sich die Kinder an die neue Situation, die Schule und die Sprache gewöhnt?
Zunächst muss ich sagen, dass wir grosses Glück hatten, in ein Land zu gehen, dessen Sprache der Muttersprache meiner Frau sehr ähnlich ist, und die Kinder hatten trotz ihres jungen Alters (4 und 2) keine grossen Schwierigkeiten.
Was war aus familiärer Sicht der schwierigste Aspekt des Umzugs?
Da wären zwei zu nennen: die Bürokratie und die Angehörigen, die man in der Schweiz zurücklässt. Was den ersten Aspekt betrifft, so war es ziemlich schwierig, in ein fremdes Land zu ziehen, dessen Gesetze und Sprache man nicht kennt. Zum Glück konnte ich mich sowohl auf meine Frau als auch auf viele meiner lokalen Kolleginnen und Kollegen verlassen. Der zweite Aspekt ist eher auf emotionaler Ebene schwierig. Man kann zwar in die Schweiz zurückreisen, muss die Ferien aber immer weit im Voraus planen, um die Reise für die ganze Familie bestmöglich organisieren zu können.
Und was war das Schönste oder Überraschendste?
Zu hören, dass die Kinder den Ort, an dem wir leben, als ihr Zuhause bezeichnen, hat mich überrascht, mir aber auch klar gemacht, dass sie sich hier wohlfühlen und glücklich sind. Und das ist für mich das Wichtigste.
Würdest du diese Entscheidung rückblickend wieder so treffen?
Auf jeden Fall. Es läuft gut, wir haben uns an den Ort und die Gepflogenheiten gewöhnt, und die Familie ist nach wie vor sehr glücklich. Mehr könnte ich mir im Moment gar nicht wünschen!
Frontex ist die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache. Sie wurde 2004 gegründet und koordiniert und unterstützt die operative Zusammenarbeit der Schengen‑Staaten zum Schutz der Schengen-Aussengrenzen. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) beteiligt sich seit 2011 an Frontex-Einsätzen an den Schengen‑Aussengrenzen. Wäre das auch etwas für dich? Weiterführende Informationen findest du unter folgendem Link: Seiten - Stellenanzeiger