Es war einmal… oder die Geschichte von Babou, dem König der Schmuggler

Der Jura ist reich an Geschichte und Geschichten. Vor allem die Freiberge und das Doubs-Tal, welches die Grenze zu Frankreich bildet, sind Gegenden, die seit Generationen zum Erzählen inspirieren. Forum Z. tauchte in diese geheimnisvolle Sagenwelt ein, in der sogar Grenzwächter und Schmuggler vorkommen.

01.11.2018, Roman Dörr, Zollexperte Zollstelle Pratteln

Vor langer Zeit lebte ein junger Grenzwächter im Tal des Doubs. Sein Name war Jacques. Auf seinen Diensttouren schritt er die Grenze ab. Er versteckte sich oft in einem Hinterhalt, von wo aus er die Gegend beobachtete. Wenn am Tag Zweige knackten und in der Nacht dunkle Schatten vorbeihuschten, rief er: «Halt, stehenbleiben, Grenzwache!» Manchmal erwischte er Schmuggler, manchmal nicht. Aber einmal, an einem heissen Sommertag in einem Hinterhalt am Doubs, bekam er schwere Augenlider. Er setzte sich hin und schlief ein.

Babou - Weg am Doubs
Schmaler Pfad entlang des Doubs zwischen Goumois und Soubey
© Jura Tourisme

Verdächtige Spuren

Plötzlich schreckte Jacques auf: Hatten nicht soeben Schilfrohre und Äste geknackt? Er kroch aus seinem Versteck, um nachzusehen. Und tatsächlich, da musste soeben jemand mit riesengrossen, nassen Schuhen vorbeigegangen sein. Die frischen Spuren führten aus dem Flussbett des Doubs über die Uferböschung hinauf in den bewaldeten Hang. Weil Jacques diese Abdrücke schon öfters gesehen, aber vergebens verfolgt hatte, ging er ihnen gleich nach. Er stieg immer höher und höher hinauf. Es begann zu regnen und die Spuren lösten sich auf. Der Grenzwächter verlangsamte seinen Schritt, blieb stehen und sah sich um. Wo war er hier? Er spähte in alle Richtungen, bis er in der Nähe eine halb verfallene Hütte entdeckte, deren Türe offen stand. Vorsichtig ging er hin, stellte sein Gewehr an die Wand und schaute hinein. Drinnen war es düster, nur ein flackerndes Herdfeuer mit einer Pfanne darauf war zu erkennen. Es roch nach Linseneintopf mit Speck. Ein Schmugglerversteck!

In Babous Reich

Gerade als Jacques durch die Türe schleichen wollte, um nachzusehen, wer da wohl haust, wurde er von hinten gepackt und zu Boden geworfen. Eine tiefe Stimme donnerte: «Was suchst du hier, Landjäger?» Jacques drehte sich auf den Rücken. Seine Glieder schmerzten. Ein bärtiger Mann stand über ihm, der mindestens drei Köpfe grösser und so massig wie ein Kleiderschrank war. Seinen breitrandigen Lederhut hatte er tief in die Stirn gezogen.

«Weisst du, wer ich bin?», fragte der Riese.

«Nein», antwortete Jacques, starr vor Schrecken.

«Ich bin Babou, der König der Schmuggler», sprach der Bärtige. Der Grenzwächter erschrak, das war ein schon lange gesuchter Übeltäter! «Ich bin über die Grenze gekommen, als du unten am Doubs geschlafen hast», sagte Babou hämisch lachend und verriegelte die Tür. «Du hast mich verfolgt, um mich hinter Gitter zu bringen. Dann sollst nun du mein Gefangener sein.»

Dann nahm Babou die Pfanne vom Feuer. Er füllte zwei Teller, brachte sie an den Tisch und setzte sich. Dann nickte er Jacques zu dessen Erstaunen zu, er solle sich setzen und zugreifen. Der Gastgeber begann, die Mahlzeit gierig zu verschlingen und füllte sich aus einem Weinfässchen Becher um Becher. Mit der Zeit wurde der Schmuggler gesprächig. Er erzählte von seinen Touren und was er alles über die Grenze gebracht hatte. Jacques schenkte fleissig nach, um noch mehr aus ihm herauszubringen.

Irgendwann stand der Hüne auf und winkte dem Grenzwächter: «Komm, schau dir meine Schätze an.» Er nahm einige Holzbretter vom Fussboden weg und zündete mit einer Fackel in eine Höhle. Jacques spähte hinein und sah Kisten voller Geld und eine grosse Menge Schmuggelgut. «Das alles habe ich hierher gebracht, um es zu verkaufen», offenbarte Babou seinem Gast und hiess ihn, erneut Platz zu nehmen.

Abrechnung nach Mitternacht

«Weil du jetzt alles weisst, wollen wir darauf anstossen», sagte der Kerl überfreundlich. Er brachte zwei Becher heran, die er in einer dunklen Ecke gefüllt hatte. «Ein ganz besonderes Tröpfchen, das du trinken sollst», sprach er lächelnd. «Halt, ich habe noch etwas vergessen», unterbrach er sich und ging zur Kochstelle.

«Gift?», durchzuckte es Jacques beim Blick in seinen Becher und er vertauschte heimlich die beiden Trinkgefässe: Er stellte seinen Becher an Babous Platz. Dann überlegte er, wie er unerkannt flüchten könnte. Gegenwehr war zwecklos, denn sein Gewehr lehnte immer noch aussen an der Hüttenwand. Hätte er es doch nur mitgenommen, dachte Jacques. Er schaute auf die Taschenuhr: Mitternacht. Es regnete noch immer und in der Ferne blitzte es. Ein Gewitter zog auf.

Nun kam der Riese zurück und stellte zwei gefüllte Lederbeutel auf den Tisch: «Nachher will ich mit dir spielen. Aber lass uns zuerst trinken.» Sie prosteten einander zu. Babou hob den Becher und leerte ihn in einem Zug. Jacques tat so, als würde er ebenfalls austrinken.

Babou ergriff nun beide Beutel und schüttete zwei Haufen funkelnde Geldstücke auf die Tischplatte. Seine Augen glänzten. «Hier habe ich zwei Beigen Geld», erklärte er, «die eine gehört mir und die andere dir. Wenn du herausfindest, welche dir ist, schenke ich dir die Freiheit. Wenn nicht, sollst du auf ewig mein Knecht sein. Einverstanden?» Jacques, der nichts mehr zu verlieren hatte, spielte mit.

«Welchen Haufen nimmst du jetzt?», fragte Babou ungeduldig.

«Ich nehme beide, damit auch meiner dabei ist», sagte Jacques und umschlang mit seinen Armen das ganze Geld.

Sein Gegenüber riss ungläubig beide Augen auf und rief: «Nein, das geht nicht! So haben wir nicht gewettet!» Er schlug mit der Faust auf den Tisch und wollte seinen Mitspieler packen. Doch der duckte sich weg. Während der Riese zu einem Schlag ausholte, hielt er plötzlich inne und griff sich an den Hals. «Was ist denn das?», keuchte er. «Ich kann nicht mehr atmen.»

«Du hast den Becher getrunken, den du mir hast geben wollen», spottete der Uniformierte.

«Nein! Du hast mich vergiftet!», schrie Babou. Mit letzter Kraft öffnete er die Türe und wankte ins Freie. «Es ist aus!» In diesem Moment donnerte es fürchterlich und ein Blitz durchfuhr Babous Körper. Durch den Knall verlor Jacques das Bewusstsein und fiel zu Boden.

Zurück nach Goumois

Als er wieder zu sich kam, schien bereits die Sonne. Jacques setzte sich auf und überlegte, wo er war. Hatte er alles nur geträumt? Und wo war Babou? Der Grenzwächter erhob sich. Vor der Tür, wo der Blitz eingeschlagen und seinen Widersacher getroffen hatte, lag jetzt ein Felsbrocken, darunter schaute Babous Lederhut mit angebrannter Krempe hervor. Jacques suchte mit scharfem Blick die Umgebung ab. Er wollte sich vergewissern, dass der Riese verschwunden war. Doch nichts rührte sich. Es war totenstill. Nun fasste Jacques Mut und zog den Hut unter dem Stein hervor In der Hütte suchte er an Schmuggelware zusammen, was er tragen konnte. Auch die beiden Geldbeutel und den Hut nahm er mit. Den Rest musste er zurücklassen. Nun marschierte er los. Der Grenzwächter war erst ein paar Schritte weit gekommen, als die Erde zu beben begann. Es grollte dumpf und eine dichte Staubwolke begann sich auszubreiten. Nachdem sie sich gelegt hatte, schaute Jacques zurück: Haus und Höhle waren verschwunden, begraben unter einem riesigen Haufen Geröll.

Als Jacques gegen Mittag Goumois erreichte, erwartete ihn der Postenchef bereits unter der Türe des Zollhauses. «Warum erscheinst du erst jetzt zum Dienst?», brummte er verärgert, «Und wie kommst du überhaupt daher?!» Jacques legte die mitgebrachten Dinge auf den Postentisch und erzählte, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte. Der Wachtmeister schaute ihn misstrauisch an und fragte: «Kannst du beweisen, dass Babou weg ist?»

«Ja, das kann ich», entgegnete Jacques und streckte seinem Vorgesetzten den angesengten Hut hin.

«Nun denn», meinte der Postenchef, «so streichen wir den Namen von der Fahndungsliste und verbuchen den Betrag als aufgefundenes Geld. Und dann kannst du gleich den Rapport schreiben.»

Schon bald verbreitete sich im Jura die Kunde, dass Jacques Babou vertrieben habe. Männer aus den Freibergen machten sich mit Pickeln und Schaufeln auf, um im Wald nach dem Schatz zu graben. Vergebens, der Ort blieb unauffindbar. Von den Schmugglern aber wagte es lange Zeit keiner mehr, den Doubs zu durchwaten, wenn sie Jacques im Dienst wähnten.

Babou- Goumois
Das Dorf Goumois JU von der französischen Seite aus gesehen
© EZV / Roman Dörr
Das Doubstal von oben
Blick auf das Doubs-Tal von oben
© Jura Tourisme
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