Giovanni Lazzaroni: Perspektiven eines Zöllners

Giovanni Lazzaroni, Chef Zoll Sopraceneri, arbeitet seit 1980 beim Zoll. Strasse, Schiene, Luft. Tessin, Romandie, Deutschschweiz: Seine Karriere liest sich wie ein Atlas des Schweizer Zolls. Ein Gespräch über Motivationen und Möglichkeiten – aber auch über Gold und Silber, die Digitalisierung und eine fundierte Sicht auf innere und äussere Grenzen.

09.12.2022, Alain Dulio

Giovanni Lazzaroni
Giovanni Lazzaroni

Wer ist der Mensch Giovanni Lazzaroni?

Giovanni Lazzaroni ist ein verheirateter Tessiner, der drei erwachsene Kinder hat: eine Tochter und zwei Söhne. Ich bin auch mittlerweile Grossvater einer Enkelin, die zehn Jahre alt ist. Ich arbeite seit 1980, also seit 42 Jahren, beim Zoll und werde in anderthalb Jahren pensioniert. Und es ist mir wichtig zu betonen, dass ich in meiner Karriere immer versucht habe, mein Bestes für meinen Arbeitgeber zu geben, ohne jedoch meine Familie zu vergessen, die mich bei meinen Entscheidungen unterstützt hat.

Sie haben fast Ihre ganze Karriere beim Zoll verbracht. Was war überhaupt Ihre Motivation, um beim Zoll anzufangen?

Ich arbeitete zunächst bei einer Spedition als Zolldeklarant. Ich hatte daher viel mit dem Zoll zu tun und war vom Wissen der Zollbeamten, wie sie damals noch hiessen, tief beeindruckt. Sie kannten sich unglaublich gut aus mit den unterschiedlichen Materialen und den verschiedenen Maschinenteilen und konnten diese sofort bestimmen.
In der Rekrutenschule wurden uns die Karrieremöglichkeiten bei der Grenzwacht und beim Zoll präsentiert und ich habe mir gedacht ‘Ja, warum nicht zum Zoll?’ und habe mich für die Ausbildung zum Zollbeamten beworben. In der Zwischenzeit sollte ich für unsere Speditionsfirma nach Deutschland gehen. Ich hatte sogar schon eine Arbeitsbewilligung erhalten. Ich musste mich also schnell entscheiden. Ich ging deshalb zum Generaldirektor der Firma und habe ihm gesagt, dass ich das Angebot ablehnen würde. Er antwortete darauf ‘Herr Lazzaroni, Sie sind für mich der lebendige Beweis, dass Tessiner nur beim Zoll, bei der Post oder bei der SBB arbeiten können’. Das hat mich sehr getroffen und war wahrscheinlich auch mit ein Grund dafür, immer etwas mehr beim Zoll erreichen zu wollen.

Hat es denn für Sie als Tessiner eine besondere Bedeutung, beim Zoll zu arbeiten?

Ich glaube nicht, dass der Satz des Generaldirektors korrekt war. Tessinerinnen und Tessiner können auch sehr gut in anderen Bereichen Karriere machen. Dennoch war es für uns Tessiner interessant, beim Zoll zu arbeiten, denn wir mussten bereits bei der Ausbildung in Liestal eine zweite Sprache vertieft anwenden. Es war obligatorisch, die Ausbildung in Deutsch oder Französisch zu absolvieren. Es war dann auch Pflicht, circa zehn Jahre in der Deutschschweiz zu arbeiten. Das gab mir die Gelegenheit, die Sprache zu lernen und die Kultur zu erleben.

Sie haben die Ausbildung zum Zollbeamten in Liestal absolviert. Waren beim Zoll Zürich Frachtgut. Haben Stationen in Brig, Lausanne, Chiasso, Agno durchlaufen. Strasse, Schiene, Luft. Ihre Karriere liest sich wie ein Atlas des Schweizer Zolls. Gibt es – neben Ihrer Heimat im Tessin – einen Ort, mit dem Sie eine besondere Verbindung haben?

Meine erste Praxiserfahrung beim Zoll habe ich im Raum Brig, Gondo, Domodossola gesammelt. Ich habe viel gelernt und durfte zum ersten Mal Berufskollegen beim Zoll erleben. Unser Instruktor hat uns eng begleitet und ich konnte sehr viel von ihm lernen. Auch meine Zeit in Zürich – ich war sechs Jahre lang dort – war sehr prägend. Wir waren viele junge Kolleginnen und Kollegen und ich habe in Zürich auch meine Frau kennengelernt, die ebenfalls aus dem Tessin stammt.

Es ging um Zigarettenschmuggel – aber auch um Wertmetalle, also Gold und Silber
Giovanni Lazzaroni in seinem Büro
Giovanni Lazzaroni in seinem Büro.

Sie haben im Verlauf Ihrer Karriere viele Stationen durchlaufen. Sie waren unter anderem auch beim damaligen Zolluntersuchungsdienst als Ermittler tätig. Was war Ihr Antrieb, ständig neue Herausforderungen zu suchen?

Albert Einstein hat einmal gesagt, dass man immer neugierig sein sollte. Ich wollte immer mehr lernen. Ich bin beispielsweise der einzige aktive Zöllner, der von sich behaupten kann, in allen Zollämtern der südlichen Region tätig gewesen zu sein. Ich habe meistens nach sechs bis acht Jahren meinen Job gewechselt. Ich hatte die Gelegenheit, zum damaligen Zolluntersuchungsdienst zu gehen [heute heisst der ehemalige Zolluntersuchungsdienst «Zollfahndung»]. Die Tätigkeiten dort waren äusserst spannend und abwechslungsreich: Ermittlungen durchführen, Verdächtige anhören, Durchsuchungen machen. Es war aber nicht nur «Action». Wir haben auch Schreibtischarbeit erledigt und Daten analysiert. Es gab auch sehr viele Rechtshilfeersuchen aus dem Ausland. So konnte ich im Austausch mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen ebenfalls viel im juristischen Bereich lernen.
Man wusste nie zum Voraus, zu was die Ermittlungen führen würden. Ein kleiner Fund konnte zu einer Kaskade an neuen Informationen und zu grossen Resultaten führen. Aber umgekehrt konnten Schubladen voll von Untersuchungsakten keine oder nur kleine Resultate erzielen.

Um was für Waren ging es bei den internationalen Rechtshilfeersuchen?

Es ging vor allem um Schmuggelwaren, wo viel Geld im Spiel war. Es ging um Zigarettenschmuggel – aber auch um Wertmetalle, also Gold und Silber.

Gibt es eine Anekdote, die Sie gerne an einem geselligen Abend ihren Freunden erzählen?

Wir haben vor Jahren einen Alkoholschmuggler aufgegriffen. Der Schmuggler war sehr verschwiegen und wollte keine Aussagen machen. Bei der Durchsuchung haben wir eine Agenda gefunden mit vielen Telefonnummern. Eine dieser Nummern stimmte mit der Telefonnummer einer Metzgerei in Bellinzona überein. Natürlich haben wir also diese Metzgerei durchsucht – haben aber nichts gefunden. Es hat sich dann herausgestellt, dass es sich um eine Telefonnummer aus Sardinien handelte, die rein zufällig genau gleich lautete, wie diejenige des Metzgers in Bellinzona (lacht).

Die Digitalisierung hat einen grossen Einfluss auf unsere Arbeit: Wir behandeln viel mehr Zolldeklarationen als früher – und das mit weniger Leuten
Giovanni Lazzaroni mit einer MA
Giovanni Lazzaroni im Gespräch mit einer Mitarbeiterin vor seinem Büro in Bióggio.

Wie hat sich die Arbeit beim Zoll in den letzten 42 Jahren verändert?

In den letzten Jahren hatte die Digitalisierung einen grossen Einfluss auf unsere Arbeit: Wir behandeln viel mehr Zolldeklarationen als früher – und das mit weniger Leuten. Wir müssen jetzt nicht mehr jede einzelne Deklaration kontrollieren. Das geschieht zum grossen Teil automatisch. Das lässt uns mehr Zeit für vertiefte materielle Kontrollen, sollte die Risikoanalyse ergeben, dass eine Kontrolle nötig ist.

Sie haben vor kurzem noch anstrengende Sicherheitstrainings und polizeiliche Führungsausbildungen gemacht. Was hat Sie dazu bewegt?

Ich wollte die gesamte Ausbildung, die für einen Leiter der Lokalebene erforderlich ist, absolvieren. Aufgrund des neuen Berufsbilds «Fachspezialistin oder Fachspezialist Zoll und Grenzsicherheit» wird auch ein Grossteil meiner Mitarbeitenden diese Ausbildung durchlaufen. Ich wollte ihnen ein Vorbild sein und aufzeigen, was mit Willenskraft alles möglich ist – auch wenn man nicht mehr allzu jung ist. Es hat mich stolz gemacht, diese Ausbildungen zu bestehen, obwohl ich vorgängig in bestimmten Bereichen wie dem Waffengebrauch, der Selbstverteidigung oder auch dem taktischen und strategischen Einsatz im Feld keine spezifische Ausbildung hatte.

Das Wort «Grenze» bezeichnet einerseits physische, andererseits auch geistige Barrieren. Welche Bedeutung hat das Wort «Grenze» für Sie?

Ohne Grenzen gäbe es keinen Zoll und ohne Zoll wäre ich jetzt nicht hier mit Ihnen am Diskutieren (lacht). Ich habe eine sehr offene Mentalität und möchte mir persönlich keine Grenzen setzen. Auch innerhalb des Zolls als Behörde habe ich mir keine Grenzen gesetzt. Ich habe überall gearbeitet und war sehr froh, durfte ich so viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln.
Natürlich müssen wir aber auch die Landesgrenzen schützen. Aktuell gibt es eine verstärkte Migration. Das hat dann auch sehr viel mit Menschlichkeit zu tun. Wir müssen Migrantinnen und Migranten human begegnen.
Als Zollmitarbeiter hatte ich aber mehr mit dem Handelswarenverkehr zu tun. Der Zoll dient als Filter zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und zur Sicherung der Steuereinnahmen. Es geht darum, nach einer korrekten Risikoanalyse zu arbeiten, um sicherzustellen, dass der Warenverkehr nicht behindert wird.

Seid offen und neugierig! Der Zoll bietet eine dermassen grosse Vielfalt an Möglichkeiten,
dass es schade wäre, nicht davon zu profitieren

Wenn Sie einer jungen Aspirantin, einem jungen Aspiranten etwas mit auf den Weg geben möchten, was wäre das?

Seid offen und neugierig! Der Zoll bietet eine dermassen grosse Vielfalt an Möglichkeiten, dass es schade wäre, nicht davon zu profitieren. Gerade mit dem neuen Berufsbild hat sich das Aufgabengebiet nochmals erweitert. Man arbeitet im Büro und draussen auf dem Terrain. Man hat mit Menschen zu tun, aber auch mit Waren. Man lernt auch die Schweiz und ihre Kulturen und Sprachen kennen. Ich arbeite seit über 40 Jahren beim Zoll und lerne immer etwas Neues. Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Aufgabe sinnvoll ist: Wir setzen die Sicherheit von Bevölkerung, Wirtschaft und Staat um.

Herr Lazzaroni, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Tessin kennt aufgrund seiner Geografie eine lange Tradition mit legalen und illegalen Grenzübertritten – und auch mit dem Schmuggelwesen. Das Wissen um diese Tradition wird im Zollmuseum in Gandria vermittelt und erlebbar gemacht.

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